© Lea Melcher All rights reserved

Es sind diese Insta-Profile, von denen jeder spricht, aber niemand so wirklich zu finden scheint und wir uns weiterhin mit Starbucks trinkenden Modebloggern unseren Feed bespielen lassen. Aber nicht so mit Lea Melchers Profil! Es sticht heraus! Es ist Kunst, poetisch und persönlich. Ein Account das uns auf andere Gedanken bringt, mit ihren Illustrationen. Aber nicht nur das, Lea hat nicht nur einen besonderen Social Media Account, sondern auch ein Buch veröffentlicht. „Die Sehnsucht kommt leise“ lautet der Titel, hier schreibt Lea über ihre Depression, die sie vor sieben Jahren hatte und während der Zeit Tagebuch geführt hat. Tagebücher die sie jetzt analysiert und eine Bilanz mit der Gegenwart zieht.

Im heutigen Interview sprechen wir mit ihr ein wenig über den Schreibprozess, wie es war ihre Depression unter einem anderen Gesichtspunkt wieder zu lesen und wie sie sich als junge Autorin auf dem Markt etablieren kann.

Wie ist die Idee zu deinem Buch entstanden?

Alles begann damit, dass ich in den Weihnachtsferien mein altes Kinderzimmer bei meinen Eltern ausgemistet habe. Ich bin dort auf meine alten Tagebücher gestoßen, aus der Zeit, als ich ungefähr sechzehn und depressiv war. Ich habe lange gezögert, ob ich sie wirklich lesen will – aber dann habe ich es getan und war überrascht, wie genau sich ein Krankheitsverlauf in den Worten meines damaligen Ichs ablesen lässt, aber auch, wie sehr es am Ende aufwärts geht. Da kam mir der Gedanke, wie gerne ich selbst damals ein solches Buch gehabt hätte: Von jemandem zu lesen, der in meiner Situation steckt und mir zeigt, dass das Leiden ein Ende hat.

Was haben deine alten Tagebücher in dir ausgelöst?

Zunächst einmal hatte ich ziemlich Angst davor, sie zu lesen: Vielleicht würde ich feststellen, dass ich eigentlich noch genauso denke wie damals? Vielleicht würde es mich schockieren und alles, was ich in der Vergangenheit verklärt habe, auf brutale Weise geraderücken? Aber tatsächlich habe ich vor allem gedacht: Wow, du sechzehnjähriges Ich kannst manche Dinge so viel besser in Worte fassen als ich jetzt mit 23. Das hat dazu geführt, dass ich mich abwechselnd sehr stark mit den Tagebüchern identifizieren konnte (schließlich habe ich sie ja damals geschrieben) aber andererseits auch oft festgestellt habe, wie viel weiter ich gekommen bin oder auch, dass es sich fast anfühlt, als hätte jemand anderes das geschrieben.

Hat das Schreiben am Buch noch mal in dir was verändert?

Das tatsächliche Schreiben des Buches bestand darin, „Antworten“ auf die Gedanken meines damaligen Ichs zu finden – und das hat mich sehr ins Grübeln gebracht. Ich habe festgestellt, dass mich tatsächlich noch die gleichen Fragen und Probleme beschäftigen wie damals – aber dass ich heute die passenden Werkzeuge habe, damit umzugehen. Das war eine sehr erfreuliche und bestärkende Feststellung.

Wie war der Schreibprozess an sich?

Ich musste zunächst einmal meine alten Tagebücher abschreiben, meine Handschrift ist so unleserlich, dass das eine ziemliche Herausforderung war! Ich hatte zunächst allerdings gar nicht geplant, daraus ein Buch zu machen, das ich dann veröffentlichen würde. Ich wollte diese Gedanken zunächst einfach mal konservieren, falls ich wieder einmal so eine Lebenskrise zu bewältigen hätte. Das wollte ich dann aber nicht so stehen lassen und habe eben Gedanken „aus dem Jetzt“ hinzugefügt – und festgestellt, dass diese Krankheit eine ganz eigene und wie ich finde hoffnungsvolle Dramaturgie besitzt. Das tatsächliche „Schreiben“, also das Hinzufügen der aktuellen Gedanken, hat eigentlich nur eine Nacht gedauert – und dann habe ich an diesem neuen Text auch kaum mehr etwas verändert. Auch das sind eben unmittelbare Gedanken – ein Tagebuch von heute.

 

Würdest du heute was anderes machen während deines Schreibprozesses

Normalerweise schreibe ich Romane oder Kurzgeschichten und da sieht der Schreibprozess für mich komplett anders aus. „Die Sehnsucht kommt leise“ ist quasi „nebenher“ entstanden, fast schon zufällig. Das waren Gedanken, die sich in einem Schwall in ein Dokument ergossen haben und in der Art habe ich davor und seitdem auch nicht geschrieben. Wenn Romane viel mit Planung und strukturiertem Denken zu tun haben, dann war die Entstehung dieses Buches vor allem assoziativ und rasch.
Dann habe ich am nächsten Tag kleine „Tagebuchzeichnungen“ gemacht, um die Gedanken zu illustrieren – und dann eigentlich nur noch mehrere Monate damit zugebracht, zu überlegen, ob ich solch private Gedanken veröffentlichen will. Rückblickend kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Depressionen sollen nicht länger tabuisiert werden und auch nicht mehr stigmatisiert sein – ich hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt.

Wieso hast du diesen Titel ausgewählt?

„Die Sehnsucht kommt leise“ – der Titel des Buches ist ein Zitat aus meinen alten Tagebüchern. Das ist einfach ein Gefühl, das ich damals sehr stark gespürt habe: Dass sich ein dunkles Sehnen immer wieder anschleicht, ohne dass man es kommen sieht, und irgendwann alle Teile des Lebens davon betroffen sind. Es ist auch bezeichnend für ein Gefühl, das ich noch heute haben und das sicher viele kennen: eine Melancholie, die einfach plötzlich aufkommt und die man sich nicht so recht erklären kann.

Hast du Tipps für andere junge Autoren?

Der größte Tipp, den ich jungen Autoren geben kann, ist, nicht für einen Markt zu schreiben. Ja, das war etwas, was mich in jungen Jahren viel zu sehr beschäftigt hat. Schreibt, weil ihr schreiben wollt! Das ist es, was einen glücklich macht – ob das ein Verlag dann vermarktbar findet, ist eine andere Frage. Wenn man sich dem zu sehr aussetzt, tötet das meiner Meinung nach jedes wilde kreative Pflänzlein. Außerdem kann man heute mit Self Publishing-Angeboten ohnehin veröffentlichen, was man will

Ist es schwer sein eigenes Buch auf dem großen Lesemarkt zu etablieren?

Andererseits natürlich ja – heutzutage kann jeder zu jeder Zeit sein Buch veröffentlichen, die Konkurrenz ist deswegen umso größer. Bei der „Sehnsucht“ ging es mir gar nicht so sehr darum, möglichst viele Exemplare zu verkaufen, sondern eher darum, Leute zu erreichen, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder jemanden kennen, der so etwas durchmacht. Im Prinzip ist das Buch aber auch eines über kreative Selbstbehauptung – man liest so viel im Internet darüber, welche Stoffe sich gerade gut verkaufen. Mich persönlich hat dieses Streben nie glücklich gemacht. Also kurz gesagt: Ja, sich durchzusetzen ist schwer und ich glaube, dass es hilft, sich eine Leser-Community zum Beispiel über Soziale Medien aufzubauen. Auf der anderen Seite ist die Frage, die man sich meiner Meinung nach immer wieder stellen sollte: Muss man sich überhaupt durchsetzen oder macht es einen nicht genauso glücklich, wenn man ein paar Leute tief berührt?

Hattest du eine gewisse „Angst“ wie dein Umfeld darauf reagieren wird?

Ich hatte auf jeden Fall Angst, wie mein Umfeld mit diesem Buch über meine Depression umgehen würde. Einerseits weil viele Menschen, die ich damals schon kannte, ganz vieles davon natürlich nicht wussten. Aber auch, weil eine solche Ehrlichkeit natürlich verletzlich macht. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass ich mit vielen Leuten auf Basis dieses Buches viel intimer ins Gespräch gekommen bin als je zuvor – auch mit Fremden übrigens, was mich sehr freut

Welche Resonanz hat dich am meisten glücklich gemacht?

Ehrlich gesagt die meiner Mutter. Sie ist die Person, die in meiner Depression am meisten für mich da war und am meisten um mich gekämpft hat. Es war unglaublich schön, zu sehen, wie stolz sie auf mich – und sich! – ist und dass es dieses Buch jetzt als Beweis für unsere gemeinsame Stärke gibt.

Beschreibe dein Buch in 5 Wörtern:

nachdenklich, kreativ, Selbstliebe, seltsam, nah

© Lea Melcher All rights reserved

Vielen Dank an die liebe Lea für ihre interessanten Einblicke hinter ihrer Person und ihrem Buch. Wir finden es wichtig das viel mehr über Themen wie Depression, Selbstliebe und Selbstfindung gesprochen wird. Wir haben sehr großen Respekt vor der Selbstreflektion und sich mit sich selbst auseinander zu setzen und daraus ein ganzes Buch entstehen zu lassen. Dieses Interview liegt uns wirklich sehr am Herzen. Instagram wird oftmals als oberflächliche Plattform abgestempelt, aber es liegt an uns, wen wir folgen und wen nicht und Lea ist ein Mensch, den man definitiv auf dem Schirm haben sollte. Wir sind gespannt auf deinen weiteren Weg und freuen uns jedes Mal auf deine Bilder, Illustrationen und hoffentlich ganz vielen Büchern 🙂

Wir hoffen wir konnten einen kleinen Einblick in Leas Welt geben. Hier gelangst du in ihre Zone:

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