Inspirierende Frauen können uns überall begegnen. Ob in der Bahn, in der Buchhandlung oder in der Schlange vor einer Damentoilette. Und manchmal auch auf Instagram. Hatices Illustrationen haben unsere Aufmerksamkeit direkt bekommen und wir wollten mehr über die Person hinter den Bildern erfahren.

Gesagt getan und nach einem kurzem Brainstorming-Prozess haben wir unsere Fragen für Hatice vorbereitet und an sie gesendet. Was dann nach einigen Tagen in unserem Postfach eingetrudelt kam, war überwältigend! Ihre Antworten auf unsere Fragen haben uns beeindruckt und schon während des Überfliegens wirklich nachhaltig inspiriert. Doch wir wollen nicht weiter um den heißen Brei reden (wie wir es immer tun eigentlich :D).

Wir stellen Euch Hatice Baskaya Cevik vor! Sie ist 25 Jahre jung und hat an der Hochschule Niederrheim einen Bachelor in Kommunikationsdesign abgeschlossen und macht gerade ihren Master in Design Projects. Sie arbeitet als Illustratorin und Journalistin. Sie ist Tochter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Designerin, Illustratorin, Texterin, eine gute Beziehungsberaterin in Krisensituationen, eine Langzeitschläferin, Kaffeeliebhaberin und kurz gesagt eine Kreative.

Wann hast Du das erste Mal den Stift gezückt? Was war Deine erste Illustration?

Das erste Mal habe ich mit 3 Jahren einen Stift gezückt und habe im Kindergarten einen Apfelbaum gezeichnet.
Die anderen Kinder waren dermaßen begeistert, sodass ich für alle einen Apfelbaum zeichnete. Ich finde der kindlichen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Mit dem Alter denkt man viel mehr nach über das was man tut. Aber als Kind hat man keine Bange Orange und Braun nebeneinander und in verrücktesten Formen zu kombinieren.
Als Erwachsene ist das dann etwas anders denke ich. Wir müssen in einigen Dingen doch versuchen das Kindliche zu bewahren. Vielleicht auch einfach mal gelassener mit gewissen Dingen umgehen.

An Deinen Illustrationen merkt man einen orientalischen Einfluss. Wie würdest Du das erklären, woher nimmst Du Deine Inspiration?

Meine Inspiration nehme ich auf jeden Fall von meinen Wurzeln. Meine Eltern stammen aus der Türkei (Sivas). Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden bin und nur alle zwei Jahre mal ganz kurz in die Türkei verreisen konnte, konnte ich früher keine Bindung aufbauen, außer dass meine Familie dort lebt. Für mich war das wie eine Art Selbstfindungsphase, eine Art Rückbesinnung und es öffnete sich für mich eine neue Tür zur Ästhetik und den Möglichkeiten mich auszudrücken.

Ich habe mein Designstudium schließlich mit einem eher westlichen Ästhetikverständnis abgeschlossen und kannte auch eher Künstler aus dem europäischen Raum. Aber schaut man mal über den Tellerrand, öffnet sich eine komplett neue Seite für neue Visionen. Eine Freundin von mir sagte mal „Ich möchte einfach losdesignen ohne einen Einfluss meiner Herkunft oder meiner Religion.“  – weil sie merkte, dass in allem was sie tat der Einfluss von solchen Komponenten nicht ausschließen konnte. Ich finde solche Komponente machen jedes Design einfach nur einzigartig, individuell und schenkt dem Ganzen einen eigenen Charakter.
Auch ich muss sagen, dass ich mich von allem und jedem inspirieren lassen kann. Mal kann mich eine Blumenart oder ihre Farbe inspirieren, mal kann ich mich von einem Gespräch voller neuer Gedankenanstöße inspirieren lassen, mal ist es ein Gefühl was mich überkommt und ich das Bedürfnis habe dieser Situation Farbe verleihen zu müssen.

Also Ich würde sagen, alles Menschliche und alles um ihn herum.  Zusätzlich muss ich natürlich erwähnen, das ich mir auch viel Anschaue, ich bin eine klassische Beobachterin. Ich pendle viel rum und begegne sehr vielen Menschen. Ihre Gesichtszüge, Ausstrahlung fließt dann manchmal gewollt und ungewollt in die Illustrationen hinein. Auch liebe ich es in Museen viel Zeit zu verbringen und es erstaunt mich jedes mal aufs neue was Kunst alles sein kann. Es erstaunt mich was auch andere Künstler inspirieren kann, welche Gefühle man als Künstler vermitteln kann. Aus diesem Grund ist Kunst all das was ich bin oder sein möchte.

© Hatice Baskaya All rights reserved

Welches ist Deine Lieblings Illustration von Dir und warum genau das? Was für eine Geschichte steckt dahinter?

Das ist echt schwierig zu sagen aber ich würde sagen das „Chaotic Rebell“ schon zu meinen Lieblingen gehört oder auch die „und du wirst echt nicht unterdrückt?“ und noch „Ist dir nicht warm?“ Illustration. „Chaotic Rebell“ ist dieses kindliche und chaotische in mir, die versucht auf ihre Art und Weise zu rebellieren. Ich finde das steckt in jedem von uns mehr oder weniger drin. In jedem steckt dieses kleine Kind, welches bei einem Gang in den Spielzeugladen, falls es nur das eine Spielzeug bekommt und nicht gleich fünf, anfängt zu heulen oder gar sich im Laden auf den Boden schmeißt und schreiend weint. Man kann nicht alles im Leben haben, aber dennoch versucht man mit viel Kraft und Emotion das zu bekommen was man möchte. Ich war vielen Situationen ausgesetzt, wo ich vieles aufgeben oder auch aufnehmen musste um weiter kommen zu können. Also habe ich mich klassisch wie ein kleines Kind auf den Boden geschmissen, vor Herzschmerz geweint aber trotzdem meinen Shit gemacht. Also like a Chaotic Rebell. Diese Illustration stärkt mich jedes mal und zeigt mir, dass egal wie oft ich auch fallen mag ich immer irgendeinen Weg finde um aufzustehen und weiter zu rennen.

Meine anderen Lieblings Illustrationen beziehen sich auf die klassischen Situationen denen viele Hijabis ausgesetzt sind. Diese sind tatsächlich aus sehr alltäglichen Situationen entsprungen, von denen ich das Gefühl hatte, hey du willst was sagen, also mach es. Denn wenn wir schweigen, haben andere das Gefühl für uns sprechen zu müssen.
und dieses Recht lasse ich mir weder als Frau, noch als Muslima, schlicht als Mensch nicht nehmen.

Welche 3 Farben verwendest Du am häufigsten?

Rosa, weiß, grau

Wie oft zeichnest Du am Tag/in der Woche? Ist das für Dich ein Ventil im Alltag was zu verarbeiten oder auszudrücken?

Das ist sehr unterschiedlich. Mal zeichne ich jeden Tag für ein paar Stunden. Mal ist es nur einmal die Woche. Oftmals ist es zum Abschalten oder es ergeben sich unterwegs neue Ideen, die ich so schell wie möglich aufs Papier bringen und mit der Welt teilen möchte. Teilen ist für mich in allem sehr wichtig. Gerade dieser Wille etwas zu teilen gibt mir auch die Disziplin mir die Zeit für eine Illustration zu nehmen.
Es ist für mich auf jeden Fall ein Ventil etwas im Alltag zu verarbeiten und auszudrücken. Allein auf dem Rückweg oder Hinweg zu Arbeit/ zur Uni rücke ich meinen kleinen Block schreibe und zeichne darin. Und ich finde, dass es auch irgendwie verbindet. Menschen mit denen oder die mit mir nicht reden würden, beginnen so oft ein Gespräch mit mir. Sind oft neugierig. Kunst verbindet eben. Auch der Austausch mit anderen Kreativen aber auch nicht Kreativen ist für mich sehr wertvoll. Meine Mutter z.B hat überhaupt nichts mit meinem Bereich zu tun, jedoch betrachtet sie alles so anders und sieht Dinge oder macht mich auf Sachen aufmerksam die mir neue Türen öffnet. Jedes Feedback ist gold Wert und bringt mich in meiner Kunst aber auch Person weiter.

Was hat Dich dazu bewegt diesen Weg zu gehen? War das schon immer Dein Traumberuf?

Ich hatte in der Oberstufe eine Kunstlehrerin, die mich dermaßen inspiriert und auch auf mein Talent und Können aufmerksam gemacht, dass ich entschlossen war diesen Weg gehen zu wollen. Wir haben gemeinsame Projekte verwirklichen können, die mir schon damals gezeigt haben, das Kunst mich einfach Glücklich macht und Menschen tatsächlich in Dingen Erfolg haben können an die sie auch mit Spaß rangehen können. Zuvor wollte ich Architektin werden aber das hat sich schnell gelegt. Nach dem Abitur habe ich mich mit einer Mappe für Bühnenbild und freie Kunst beworben, jedoch bin ich beim ersten Versuch gescheitert. Das hat mich aber von meinem Wunsch in die Kreativbranche gehen zu wollen nicht weggebracht. Also habe ich bei meinem zweiten Versuch mehrere Mappen gleichzeitig angefertigt.

Dieses Eine Jahr voller Zeichnungen, Inspirationen, schönen Worten, vielen Museumsbesuchen etc. hat mich ungemein gestärkt. Ich war 18 Jahre alt, war frisch ausgezogen und habe eine Selbstfindungsphase durch eine erste Niederlage erleben dürfen. Heute bin ich für diese Zeit dankbar. Dankbar für jede Träne, dankbar für jede neue Türe, dankbar für jedes Lächeln und dankbar für alles was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Letztendlich klappte alles bei meinem zweiten Anlauf und ich durfte Kommunikationsdesign studieren. Ich habe meine Schwerpunkte im Studium auf Textdesign, Illustration und Fotografie gelegt. Heute studiere ich Design Projects im Master und mein Traum ist es irgendwann einmal an einer Hochschule/ Universität Texten oder Illustrieren zu lehren. Ich möchte mein Wissen und Können teilen. Die Akademische Bildungsstätte ist für mich der Ort an dem Wissen aktiv stattfindet. Ich möchte mich vom Wissen anderer Inspirieren lassen und so einen aktiven Austausch an Wissen maximal ausleben. Gemeinsam mit anderen. Wer weiß irgendwann vielleicht. Heute bin ich diesem Wunsch einige Schritte entfernt jedoch auf dem guten Weg dahin.

Welchen Rat würdest Du denjenigen, die auch das als Beruf ausüben möchten, mit auf den Weg geben?

Mut, Ausdauer und ganz viel Liebe. Menschen die diese Weg gehen möchten, müssen erst von ihrer Sache überzeugt sein, es wird genug Leute um einen geben, die von dem was du machst nicht überzeugt sein werden, dich vielleicht sogar auslachen werden. Weil hey, Idioten gibt es überall. Man muss in der Lage sein diese auszublenden und die Energie eher zum Produzieren und Weiterentwickeln nutzen. Und egal was man macht, man soll es Lieben. Jeder kennt diese eine Person beim Bürgeramt oder einen Lehrer von dem man das Gefühl hat das sie ihren Beruf hassen und da nur für Geld sitzen. Eins kann ich sagen, Geld ist nicht alles. Es würde mich nicht erfüllen, wenn ich das Gefühl habe ein Systemsklave zu sein, Vollzeit in einem Amt zu Ackern und leben müsste um zu arbeiten. Ich arbeite eher um zu leben und mache alles was ich mache mit Liebe. Liebe gewinnt immer. Ich kann den Lesern nur das raten, was ich auch selbst auslebe und als meinen Lebensstil angeeignet habe und durchlebe.

Auch kann ich mit auf den Weg geben, dass man sehr viel betrachten und beobachten sollte. Das hilft ungemein. Sich mit Kunstgeschichte, einzelnen Künstlern oder ganzen Epochen zu befassen. Menschen die in der Kreativbranche etwas bewegen wollen müssen meiner Meinung nach gewisse soziologische, psychologische und philosophische Ansätze verinnerlichen. Sobald man versteht wie Menschen, ihr Verstand, ihre Gefühlslage „funktioniert“  entwickelt man eine sensiblere aber auch eigene Art zu designen und gestalten.

Wenn Du deinen Stil in 3 Worte beschreiben müsstest, was wären diese?

Kindlich, authentisch, lustig

Wie lange dauert es eine Illustration zu erstellen. Wie sieht Dein Prozess bis zum fertigstellen aus?
© Hatice Baskaya All rights reserved

Auch das ist sehr unterschiedlich. Es fängt häufig damit an, dass ich irgendwas erlebe, irgendwas sehe was mich inspiriert und mir erst einmal vorstelle, wie ich das in eine Illustration übertragen könnte. Später fange ich dann an zu zeichnen. Ich habe immer einen kleinen Zeichenblock bei mir, in dem ich alles notiere und zeichne, diese durchstöbere ich dann zwischendurch und so gelange ich an neue Ideen. Dann entscheide ich mich, ob ich lieber analog oder digital arbeiten möchte. Ich liebe das zusammenstoßen von Pinsel und Papier. Ich hänge auch mega lange in Kunstfachhandel ab, da ich diesen Ort sehr inspirierend finde. Denn Papier ist nicht gleich Papier und Pinsel ist nicht gleich Pinsel. Es gibt so viele unterschiedliche Materialien und Techniken, das es schon fast faszinierend ist.

Die Entscheidung für welche Farben, für welche Formen ich mich entscheide geschieht häufig nach einem Bauchgefühl. Ich mache mir Gedanken wie dick das Papier sein sollte, ob ich mich für Aquarell oder Acryl oder doch Wasserfarben, Bleistift oder doch für etwas anderes entscheide. Ich experimentiere bis mein Endprodukt steht sehr viel rum. Aber manchmal finde ich sogar eine einfach Skizze, die in einigen Minuten entsteht mega schön. Es muss ein Gefühl in mir auslösen. Egal ob Freude, Trauer oder der gleichen. Ich kombiniere zu dem Zeichnen auch das Schreiben. Ich schreibe manchmal vorher, manchmal auch nachher, einfache Sätze, Gedichte oder ganze Texte. Ich lasse es einfach passieren und mag es nicht mich für irgendetwas festsetzen zu müssen.

Bei den digitalen Zeichnungen ist es genauso, da mache ich mir auch schon vorher Gedanken wie die Farben denn auf dem Papier wirken etc. Manchmal dauert eine Zeichnung ne Stunde manchmal einige Tage bis alles sitzt. Ich schaue mir auch immer wieder alte Arbeiten von mir an um eine Entwicklung festzustellen um an gewissen Techniken weiterzuarbeiten. Es muss einfach Spaß machen und ich will weniger das es sich für mich wie Arbeit anfühlt. Zwischendurch gibt es dann auch Aufträge für die brauche ich dann natürlich länger. Wenn ich sage, dass ich nicht eben mal in einer Stunde eine Illustration herzaubern kann, sind die Reaktionen von Leuten, die nichts mit dieser Branche oder auch nur ansatzweise ein Gefühl für diese Sache haben, enttäuschend. Denn letztendlich möchte man auch keinen Scheiß produzieren auch wenn am Ende das Geld stimmt. Geld ist eben nicht alles. Ich möchte Abends mit einem reinen Gewissen einschlafen können.

Hast Du einen Lieblingsillustrator/in, ein Vorbild?

Mein Lieblingskünstler ist Claude Monet.  Die Werke die allgemein im Impressionismus entstanden sind schaffen für mich eine  neue Betrachtungsweise der Natur, der Welt und auf den Menschen selbst. Es setzt den Fokus eher auf das Gefühl und das macht es für mich zu einer Lieblingsepoche. Ich habe mich in meiner Abiturzeit sehr viel mit Monet beschäftig, vielleicht kommt das auch davon, aber als ich dieses Jahr die Möglichkeit hatte die Werke aus nächster Nähe zu betrachten war ich einfach nur geflasht.

Als Vorbild möchte ich hier meine Mutter nennen. Sie ist für mich einfach eine der stärksten Frauen dieser Welt. Sie hat mich in allem unterstützt was ich gemacht habe. Eine Frau die mir all das gegeben hat, was man seinem Kind mitgeben kann. Ich habe gelernt meine Prioritäten so zu setzen, dass ich ein zufriedenes Leben mir gestalten kann egal was kommen mag. Sie hat mich darin gelernt auch mal fallen zu dürfen um zu wissen, was aufstehen bedeutet. Sie hat mich darin gelehrt in allem was ich mache mit Liebe heranzugehen. Sie sagt immer „Herkes Kalbinin ekmegini yer“ was so viel bedeutet wie, dass was man im Herzen trägt wird zu einem zurückgelangen. Wir sind leider in einer Zeit, wo wir in den Medien viel Negatives hören und lesen. Genau in dieser Zeit ist es umso wichtiger an der Liebe festzuhalten. Genau jetzt ist es Zeit Kunst zu machen, sich der Welt zu öffnen.

Umso wichtiger ist es Menschen zu supporten, die genau an so wichtigen und auch einfachen, und menschlichen Dingen festhalten. Eine Zeit in der Oberflächlichkeit auch unseren Displays strömt, wir oftmals mit dem Kopf schütteln. Genau jetzt müssen wir uns authentischen, inspirativen und „echten“ Menschen und Dingen widmen. Heute stehe ich hier und bin bereit für die Zukunft. Mit ganz viel Liebe.

 

© Hatice Baskaya All rights reserved

Das Internet ist voller Gifs, Memes und wundervollen Illustrationen wie von Hatice. Wer die Person hinter den kleinen Kunstwerken ist erfährt man meistens selten. Diese Tatsache wollten wir ändern und hoffen auch Dich haben die Worte von Hati berührt, sowie es mit uns geschehen ist.

Liebe Hatice, vielen Dank für deine wundervollen Antworten und wir sind mehr als geehrt dich mit in unsere Zone aufnehmen zu dürfen. Hati sagt von sich aus „Ich bin ganz einfach eine junge Frau mit vielen Träumen und Wörtern in der Tasche.“ Und wir wünschen ihr, dass diese Tasche niemals leer wird und immer voll gefüllt ist :).

 

 

 

Falls ihr mehr von Hatice erfahren oder mit ihr in Kontakt kommen möchtet, könnt ihr das über ihren Instagram Kanal machen.

*Werbung da Verlinkung und Markierung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*

© 2018 Oh Zone – Lifestyle Blog All Rights Reserved.