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Ich sitze im Zug. Landschaften ziehen an mir vorbei, Menschen steigen ein und aus. Menschen unterschiedlichster Art. Ein Geschäftsmann, der wahrscheinlich zum nächsten Kundentermin will. Ein Musiker, der vielleicht einen Auftritt in der nächsten Stadt hat. Eine Studentin, die zurück in ihre Heimatstadt möchte. Diese Studentin bin ich.

Das Pendeln macht mir nichts aus, ich kenne es nicht anders. Wie das Marmeladenbrötchen zum Sonntagsfrühstück gehört, so das Pendeln von A nach B zu meinem Leben. Wenn ich es genauer betrachte, ist mein ganzes Leben eine einzige Fahrt.  Als Kind haben wir jedes Wochenende genutzt, um die Familie zu besuchen. Die Sommerferien wurden genutzt, um die Familie in der Türkei zu besuchen. Später sind wir nach Stuttgart umgezogen. Die Reisen nach NRW, um alte Freunde und Familie zu besuchen hat angefangen. Nebenbei war meine Schule oder Ausbildung nie bei mir ums Eck. Fahrten von einer Stunde, hin und zurück jeden Tag waren und sind immer noch Alltag für mich.

Im Zug hat man viel Zeit zum Nachdenken. Ich werde melancholisch. Melancholisch mit den ganzen Stationen, die ich in meinem Leben schon gesehen habe. Jede Station ist eine Heimat geworden. Geboren in NRW, aufgewachsen in Stuttgart. Jetzt wohne ich in Hessen. Noch entwickeln sich keine Heimatgefühle. Derzeit bin ich mir unsicher, ob diese jemals auftauchen werden. Ich hänge noch zu sehr an Stuttgart und kann mich noch nicht mit den Vibes die hier herrschen identifizieren. Ich bin froh für paar Tage wegzukommen jedoch auch wieder froh zurück zu sein. Denn ich lasse es noch nicht ganz zu und bin gedanklich noch viel zu sehr in Stuttgart. Was normal ist! Meine Familie und die Wiege von Oh Zone sind hier.

Ein springender Punkt ist auch mein kultureller Background. Ich bin, so wie die meisten Migranten, mit den sehnsüchtigen Augen meiner Großeltern aufgewachsen. Sehnsüchte nach ihrer Heimat. Sehnsüchte nach den Olivenbäumen. Den Tomaten, die nach Tomaten schmecken. Den Straßenkatzen an jeder Ecke. Sehnsüchten nach den Nazarboncuks, die an jeder Hauswand hängen und das Gefühl geben, dass man von bösen Blicken beschützt wird.

Auch in der Türkei gibt es nicht DIE Stadt, die ich als Heimat betiteln kann. Meine Sommertage verbringe ich im Westen der Türkei, vor den Küsten Griechenlands. Jedoch liegen meine Wurzeln im Osten der Türkei. Auch hier sehe ich die sehnsüchtigen Augen meiner Verwandten. Jede Erinnerung wird mit einem frischen Schwarztee Aufguss erneuert.

Jede Stadt ist eine Heimat

Die Umstände haben es dazu gebracht, das ich viele kleine „Heimate“ habe und keine wird mich zu 100 % erfüllen können. Keine wird mir das Gefühl geben je angekommen zu sein. Deshalb Reise ich hin und her, um an jeder Station ein kleines bisschen Heimat zu bekommen. Manchmal beneide ich Menschen, die noch nie ihre Comfort Zone verlassen haben. Sie können mit einem Wort sagen, woher sie kommen. Ich brauche gefühlt einen halben Tag dafür. Mir reicht nicht nur die Antwort, das ich aus Stuttgart komme. Denn das stimmt eben nicht ganz. Mich hat so viel mehr geprägt. So viele Städte haben Einfluss auf mich. Ich fühle mich zu so vielen Städten verwurzelt und hingezogen. Das Gefühl, das diese Städte ein Teil meines Lebens sind und ich mich da irgendwie geborgen fühle. Aber in Wirklichkeit auch nicht so richtig kenne. An jeder Stationen gibt es Menschen, die mir wichtig sind. Es ist schwierig den Kontakt aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit, ob man es will oder nicht, verliert man sich doch aus den Augen. Nach so viele Stationen habe ich immer noch nicht gelernt meine Kontakte aufrechtzuerhalten. Soll man alte Türe schließen, damit sich neue öffnen können? Ich weiß es nicht.

Wird mir jemals eine Stadt ausreichen? Ich kann hiermit sagen, dass ich in jeder Stadt mein Glück irgendwie finden werde. Was für mich eine gewisse Leichtigkeit im Leben mitbringt. Irgendwie bin ich doch froh das, wenn Leute mich Fragen: „Woher kommst du?“, ich es nicht nur mit einem Satz beantworten kann, sondern gefühlt ein halbes Buch erzählen könnte. Wie es weiter geht? Ich weiß es nicht. Nach was richtet man sich, wenn man Wurzeln schlagen möchte? Meine Wurzeln liegen verstreut in zwei Ländern. Tiefe Wurzeln werde ich ab diesem Zeitpunkt nie mehr schlagen können.

Ich bin gespannt, was für Stationen ich noch erleben werde. Welche Städte ich in meine Heimatliste aufnehmen werde oder ob ich irgendwann mal ankommen werde.