© Enyang Wang All rights reserved

Bevor ich nach Berlin gezogen bin, war der einzige Stress, den ich in meinem Leben schlucken musste, das Abitur bzw. die Vorbereitung aufs Abitur. Don’t get me wrong bro, es gab durchaus knackige Herausforderungen in meinem Leben, wie die vom Pech und Asiatenklischee begleiteten Fahrprüfungen, der oftmals schwierige Umgang mit Frauen (Oh, es lag bestimmt an mir, Frauen sind allesamt wunderbar und einfach gestrickt.) oder wenn der Kühlschrank eigentlich so gut wie leer war, ich dennoch aus dem letzten Rest etwas Essbares zaubern musste. Aber so richtig Stress im Alltag? Habe ich nicht empfunden.

Mit dem Umzug in die Hauptstadt hat sich alles verändert. In einer Stadt, in der das Chaos die einzige Ordnung ist, in der Unregelmäßigkeiten die einzige Konstante sind, gelangt man wie ein Fisch in einen schneller strömenden Fluss, in dem schon unzählige Fuckboy-Fische, Alternativ-Fische und Berghain-Fische in die Richtungen der schnellen Strömungen schwimmen. Okay, Fische als Metapher zu nutzen war nicht unbedingt das Edelste, was Enni so machen kann. Aber seit Tag 1 des Hauptstadtlebens spüre ich, dass der Stress im Alltag von jedem Fisch (Sorry, ein letztes Mal  ) nicht nur gegenwärtig ist, sondern uns langsam in eine Diva ohne Snickers verwandelt und regelrecht dominiert. Er sammelt sich, wie Staub, fast schon nicht bemerkbar aber ständig da, vermehrt sich, und wenn man ihn allmählich bemerkt, wirkt er plötzlich atemberaubend und dominiert in jeder Ecke zu jedem Zeitpunkt. Es sind nicht unbedingt die großen Dinge, die Stress in XXL-Size bringen. Oh nein, mein Lieber, die kleinen Dinge sind genauso schlimm, wenn nicht noch viel schlimmer.

Morgens. Dieses 1 Minute zu spätes Ankommen der schmalen, von Menschen, Gegenständen und negativer Aura gefüllter U-Bahn, weswegen du die darauffolgenden eiskalt verpasst und am Ende, trotz eines phänomenalen Schlusssprints, 10 Minuten zu spät zur Vorlesung kommst, und dafür von deiner Professorin wie ein armseliger Sex-Tourist mit einem verachtenden Blick angeguckt wirst.

Mittags. Dieser verzweifelte Versuch, auf dem Weg zur Arbeit in Eile auf einem extrem schmalen Fußgängerweg an einer Gruppe vorbeizugehen, die schamlos eine sich im Schneckentempo vorwärts bewegende Blockade bilden, wobei du diese Menschen am liebsten mit riesigen Hulk-Händen auseinandergerissen und nach China geworfen hättest.

Nachmittags. Dieser Moment, in dem du realisierst, dass jedes Café, das du kennst, ob in deiner Nähe oder nach 30 Minuten Fahrt, einfach voll ist, weil genug Menschen, genauwie du übrigens, ein ruhiges Plätzchen suchen, und dabei mehr Sitzplätze besetzen, als ihre eigenen vollen Ärsche brauchen, weil sie lieber ihren Taschen, Jacken einem angenehmen Sitzplatz gewährleisten möchten als den anderen Menschen. Schnell einen Becher Kaffee für unterwegs schnappen, zurück geht’s ins Alltagschaos.

Vorabends. Diese Schlange, diese riesige, endlos lange Schlange im Supermarkt, die dir die letzten Hoffnungen raubt, dass man in Berlin oder einer sonstigen Stadt der menschlichen Massenbesiedlung irgendwo etwas schnell hinkriegen kann. Zwei Kassen für zwei riesenlange Schlangen, die zwei billigen Duplikaten der Chinesischen Mauern gleichen, sind keine Frechheit, nein, es ist nur der ganz normale, traurige, dazu nervenaufreibende Alltag.

Abends. Diese tickende Zeitbombe namens Wecker, die nicht mal sprechen können muss, um dir signalisieren zu können, dass du nur 5 Stunden Zeit hast, die Augen geschlossen zu halten und so zu tun, als würdest du schlafen. Fenster zu? Zu warm, zu stickig. Fenster auf? Zu laut, zu viel Lärm. Krankenwagen. Lastwagen. Tram. U-Bahn. Nachbar, der miserabel Schlagzeug spielt. Nachbarin, die der Meinung ist, dass man nachts in die Wand bohren sollte. Die Nacht ist nicht zum Schlafen da, sie ist dazu da, dass du all den Lärm noch deutlicher hören darfst.

Spätestens jetzt merkst du, dass du die Bitch vom mächtigen Sadisten namens Großstadtleben bist. Alles was du tust, wirkt in einer Großstadt einfach anstrengender, weil man im Alltag tausende Situationen erlebt, die den Stressfaktor vervielfachen, dazu verwehrt dir das Großstadtleben oft die Möglichkeit, Zeit und Ruhe für dich selbst zu finden. Es drückt und peitscht dich schonungslos nach vorn. Der Stress ist groß, größer, am größten. Mächtig, mächtiger, am mächtigsten. Dominant, dominanter, na ja du weißt schon Bescheid. Und du? Du bist seine, seine Bitch.

Wer jetzt sagt, dass man Stress wohl aushalten sollte, weil „es nunmal dazu gehört“, ist und bleibt die Bitch unterster Schublade, denn das würde quasi heißen, dass man als persönliche Bitch vom Stress keine Ansprüche haben darf und brav nach den Regeln vom Stress leben muss. Das ist und darf nicht der Anspruch jedes Einzelnen sein.

Berlin. In einer Stadt, in der man wie ein unschuldiger Schmetterling in einen sich enorm schnell drehenden Ventilator gelangt, ist eine Riesenportion Stress im Menü des Alltags ein fester Bestandteil und nicht mehr wegzudenken. Doch ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne, die Töchter von jedem von uns auf den roten Hügeln sich stressfrei und gechillt niedersetzen können. Ich habe einen Traum, dass eines Tages das Leben selbst in einer Großstadt wie Berlin, eine Stadt, die mit der Hitze der alltäglichen Anspannung und der Hitze der Überbelastung schmort, zu einer Oase der Entspannung und Erholung transformiert wird. Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Stadt leben werden, in der sie den Lebensstil nicht von einer sich selbst stressenden Stadt zwangsläufig übernehmen müssen, weil sie sonst vom Stress erdrückt worden wären, sondern nach dem Wesen ihres Charakters individuell aussuchen können.

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Ich habe einen Traum, dass Uni, Arbeit, alles, was auf uns zukommen mag, uns nicht daran hindert, mehr Spaß und Freude zu empfinden als Stress und Anstrengung, dass wir am Ende des Lebens stolz zurückblicken und feststellen können, dass es ein gutes Leben war, wie wir es jedem gegönnt hätten, den wir lieben. Ich habe einen Traum, dass die U-Bahn selbst zu Rush Hours nicht ansatzweise voll ist, dass sie sich nicht verspätet, dass selbst die BVG keine Bitchmoves bringt und im Sinne der Fahrgäste denkt. Ich habe einen Traum, dass jedes Café genug Platz für jeden hat, dass jedes Großstadtkind seine Ruhe und seinen Ausgleich finden kann. Ich habe einen Traum, dass der Stress zu unserer Bitch wird, weil er uns nichts antun kann, weil die Glocken der Entspannung und Freiheit vom wunderschönen Prenzlauer Berg, vom vielfältigen und interessanten Kreuzberg läuten, vom sich stets bemühenden Neukölln läuten, von sich dazugehörend fühlenden Tegel und Spandau, von jedem Stadtteil Berlins und Deutschlands.

Und wenn dies geschieht, werden wir diesen Tag umso schneller erleben, dass der Stress aus dem Leben unseren Alltags allmählich verschwindet und sich verkriecht. Das ist unsere Hoffnung, also hört auf, den Stress bloß zu ertragen, tut was Gutes für euch und euer Leben, seid gut zu euch und gönnt euch was, mach ihn, den Stress zu deiner, deiner Bitch.

Come on, you can do it

Kurz nach dem ich aus meinem drei monatigen Berlin Aufenthalt gekommen bin, habe ich diesen Beitrag von Enni auf seinem Blog gelesen und was soll ich sagen, ich war geflashed. Letztens gab es durch Zufall eine Unterhaltung mit Enni und mir ist wieder sein Blogbeitrag eingefallen. Wir freuen uns wirklich sehr, diesen Beitrag der kreativ ist und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, auf Oh Zone zu veröffentlichen 🙂

Wenn Du auch einen Gastbeitrag für Oh Zone hast, schreib uns doch einfach eine Mail an contact@oh-zone.de.
Wir freuen uns auf Eure tollen Beiträge.

1 Kommentar

  1. Ich kann diesen Text so nachvollziehen! Ich bin in Berlin geboren und habe dort fast mein ganzes Leben verbracht. Ich bin allerdings umgezogen – nach Wien – und kann gar nicht sagen was das für eine Erlösung ist! Gegen den Stress hatte ich in Berlin sogar Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin B12 zu mir genommen, weil ich sonst einfach nicht genug Power hatte, um das glücklich durchzustehen. Inzwischen bin ich raus aus Berlin und es fühlt sich so gut an. Ich lebe Deinen Traum jetzt einfach in Wien. 😉

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