Es ist Sommer. Das Salz krümelt von meiner Brezel. Unsere Reise in die Türkei beginnt. Opa empfängt uns mit großen Armen am Flughafen. Mit dem Taxi fahren wir in unsere Mahalle ein. Wachsame Augen erwarten uns vom Balkon aus. Jedes Mal dieselben Gesichter, die auf uns warten, nur uns erkennt man von Jahr zu Jahr nicht wieder, weil wir schon so groß geworden sind. Masallah. Die weiche Haut meiner Uroma streift meine Bäckchen. Sie begrüßt die Kinder ihrer Enkelin aus Almanya. Sie sieht ihre Enkelin nicht, aber wir sind sowas wie Boten und bringen für sechs Wochen leben in das Haus, mit unserem gebrochenem türkisch und großen Augen, wenn wir den bunten Markt jeden Dienstag und Freitag besuchen. Pazar wie es so schön heißt, eine kleine Achterbahn durch das Gemüse und Obst. Die Angebots-Geschreie klingen überall gleich, als wären immer dieselben Landwirte anwesend um ihre geernteten Produkte anzubieten. Das Kassensystem befindet sich im Şalvar der Frauen, die immer ein bisschen großzügiger sind, beim Einpacken von grünen Bohnen.

Wenn ich an die Türkei denke, denke ich an angeknabbertes Brot, dass vom Bakkal bis nach Hause nie heil ankommt. Ich denke an die Sesamkringel-Verkäufer, der gar nicht viel älter ist als ich und dafür sorgt, dass wir jeden Tag Simit mit salzigem Schafskäse und reifen Tomaten  essen. Von den Tomaten die nach Tomaten schmecken,  von denen immer meine Mutter erzählt. Von Oliven, die meine Uroma selber in Salzlake einlegt. Dessen Geschmack ich nie vergessen werde. Der Sesamkringel-Verkäufer erinnert mich daran, dass hier etwas anders ist, als in Deutschland, wo ich noch nie ein Kind arbeiten gesehen habe.

Wir packen paar Simits ein und machen uns auf den Weg ans Meer. Erinnerungen an das Blau werden wie eine Welle angespült. Diese Farbe kann kein Foto und kein Künstler auf dieser Welt nachstellen. Während wir im vollen Dolmuş sitzen und aus der Ferne das ägäische Meer schon sehen und das salzige Meer riechen, oder uns vielleicht einbilden, merke ich wie ich ruhiger werde. Das Meer an der ägäischen Küste, ist wie ein alter Großonkel den man nicht einschätzen kann und mit Respekt begegnet, aber mit dem ersten Witz und der ersten Umarmung in Form einer Welle  erkennt man ihn als beschützenden Freund. Einer der ersten frühen Enttäuschungen im Leben ist das salzige Wasser. Jeder muss da einmal wie eine Mutprobe durch. Jede Schönheit hat wohl seine schattige oder salzige Kehrseite. Die Natur bringt es einem früh bei, doch wir ziehen unsere Erkenntnisse erst Jahre danach.

Die sechs Wochen sind um.

Es geht zurück in die andere Heimat. Im Gepäck haben wir türkische Sommerhits deren Ohrwürmer uns noch einige Wochen begleiten werden. Uromas Oliven und eine Menge Nazarboncuks die an uns hängen, weil Oma uns vor bösen Augen beschützen möchte. Abschiede fühlen sich in unserer Familie komisch an. Wir sollten uns daran gewöhnt haben, aber dieser Schmerz, die Erinnerung an eine lange Zeit ohne Wiedersehen hindert uns daran. Abschiede fühlen sich als Kind eigenartig an. Irgendwie bist du daran gewöhnt, doch es trifft dich wie ein Schlag, jedes Mal aufs Neue. Erwachsene traurig zu sehen ist ein Bild, das ich nie einordnen kann. Unser Taxi fühlt sich mit salzigen Tränen. Wasser wird auf die Straße geworden „su gibi gidin su gibi gelin“. Das Wasser fällt auf den heißen Asphalt und versiegelt unsere Tränen.

Glossar:

Mahalle – Straße

Şalvar – Hose

Bakkal – kleiner Lebensmittelgeschäft

Dolmuş – Bus

„Su gibi gidin su gibi gelin“ – „geht wie Wasser fort, kommt wie Wasser zurück“

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